Portale wie Fixmystreet oder SeeClickFix erlauben es mittels Smartphone Probleme im öffentlichen Raum an zuständige Stellen zu melden und deren Bearbeitung online zu verfolgen. Die Standardbeispiele reichen von Schlaglöchern über kaputte Straßenlaternen bis hin zu illegalen Müllablagerungen. Befürworter von derartigem, crowdbasiertem Beschwerdemanagement erhoffen sich vor allem mehr Transparenz und stärkere Serviceorientierung. Es gibt aber auch die Sorge, dass vor allem sozial bessergestellte Gruppen diese neuen Dienste nutzen und sich so vorhandene Ungleichheiten zwischen unterschiedlichen Stadtvierteln weiter vertiefen.
Stefan Etzelstorfer hat im Rahmen seiner Diplomarbeit „Open Government als kommunale Herausforderung am Beispiel der Online-Plattform ‚Schau auf Linz’ “ (PDF) an der Linzer Johannes Kepler Universität die Daten einer solchen Plattform für crowdbasiertes Beschwerdemanagement ausgewertet bzw. in Kooperation mit der Linzer Stadtforschung die NutzerInnen der Plattform befragt. Im Interview berichtet er über die teilweise überraschenden Erkenntnisse seiner Untersuchung, wie beispielsweise dass die Plattform kein Ersatz sondern eine Ergänzung zu bisherigen Formen des Beschwerdemanagements darstellt. Im konkreten Fall führt das dazu, dass die Plattform „Schau auf Linz“ – verglichen mit anderen Känalen – vergleichsweise stärker von Menschen mit geringerem Bildungsgrad genutzt wird.
Lieber Stefan, in Deiner Diplomarbeit an der Linzer Johannes Kepler Universität hast Du die Nutzung der Plattform „Schau auf Linz“ als einem Beispiel für Open Government untersucht. Worum geht es bzw. wie funktioniert „Schau auf Linz“?
Stefan Etzelstorfer: „Schau auf Linz“ ist eine interaktive Online-Plattform der gleichnamigen oberösterreichischen Landeshauptstadt. Bürgerinnen und Bürger haben dort die Möglichkeit, ihre Anregungen zur Gestaltung und Verbesserung der Stadt auf dieser Plattform zu artikulieren (z.B. Verkehrsplanung, Raumplanung, Stadtgestaltung). Gleichzeitig wird durch die Plattform eine Möglichkeit geschaffen, Prozesse, die bisher der Verwaltung oblagen, zu steuern und in einem arbeitsteiligen System gemeinschaftlich zu lösen. Zum Beispiel die Meldung von Infrastrukturmängeln oder Müllablagerungen, die danach von der Stadtverwaltung behoben werden.
Und was hat eine Plattform wie „Schau auf Linz“ mit „Open Government“ zu tun?
Stefan Etzelstorfer: Open Government meint eine systematische Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern in den öffentlichen Wertschöpfungsprozess. Diese Idee gibt es auch bereits im privaten und unternehmerischen Bereich, beispielsweise beim Crowdsourcing. Durch dieses Mehr an Teilhabe soll bei Open Government ein offeneres und transparenteres Verwaltungshandeln erreicht werden. „Schau auf Linz“ ist ein gutes Beispiel, wie Open Government auf lokaler Ebene funktionieren kann.
Kommen wir zu Deiner Untersuchung. Was war das zentrale Forschungsinteresse…
Stefan Etzelstorfer: Ich habe in einer Fallstudie zum einen untersucht, welchen Beitrag die Online-Plattform „Schau auf Linz“ im Rahmen von Open Government auf lokaler Ebene leistet; zum anderen, wie die Verwendung dieser Plattform die Wahrnehmung der BürgerInnen auf die Verwaltung beeinflusst. Außerdem wollte ich im Zuge der Fallstudie herausfinden, welche Beweggründe Menschen für die Nutzung der Online-Plattform „Schau auf Linz“ haben und wie sie sich in Bezug auf die Art ihrer Nutzung unterscheiden.
…und wie bist Du vorgegangen?
Stefan Etzelstorfer: Nach einer allgemeinen Diskussion über stattgefundene Entwicklungen in der Verwaltungslehre und im Speziellen bei Open Government habe ich anhand bereits bestehender Beispiele und Fallstudien versucht zu zeigen, warum derartige Beteiligungsinstrumente im öffentlichen wie im privaten Sektor bisher überhaupt genutzt werden und warum an diesen Prozessen partizipiert wird. Den Ansatz einer Fallstudie habe ich dann gewählt, um meine Forschungsfragen herauszuarbeiten und zu beantworten. Wesentliches Element bildete neben einer Analyse von Projektdokumenten sowie Interviews mit Projektstakeholdern dabei die in Kooperation mit der Stadtforschung Linz durchgeführte Online-Befragung mit Nutzerinnen und Nutzern der Plattform.
Kommen wir zu den Ergebnissen Deiner Arbeit. Wird durch eine Plattform wie „Schau auf Linz“ eigentlich wirklich mehr Partizipation erreicht, oder ist es nicht vielmehr so, dass die Leute an Stelle eines Anrufs oder einer Mail jetzt die App verwenden?
Stefan Etzelstorfer: Die Ergebnisse der Befragung zeigen eindeutig, dass die Plattform „Schau auf Linz“ kein Ersatz, sondern eine Ergänzung zu den bisherigen Kommunikationskanälen darstellt. Mehr als sechs von zehn Befragten geben an, vor Existenz der Plattform „Schau auf Linz“ praktisch nie mit der Stadtverwaltung in Kontakt gewesen zu sein. Und auch ein weiteres Viertel hat vor Existenz der Plattform seine Anliegen seltener als jetzt vorgebracht. [Anm.: siehe auch untenstehende Abbildung]

Du hast auch erhoben, welche Leute die Plattform „Schau auf Linz“ nutzen. Gibt es dabei irgendwelche Auffälligkeiten?
Stefan Etzelstorfer: Viele Untersuchungen zur „Digitalen Spaltung“ zeigen, dass zwischen Bildungs- und Digitalisierungsgrad grundsätzlich ein positiver und signifikanter Zusammenhang besteht. In meiner Arbeit lässt sich dieser Zusammenhang nicht feststellen. Insbesondere bei NutzerInnen mit geringerem Bildungsgrad hat sich gezeigt, dass von diesen die Plattform häufiger genutzt wird, obwohl die Gesamtschau eine deutliche relative Mehrheit an Personen mit akademischer Ausbildung zeigt.
Gibt es sonst noch etwas, das Dich überrascht hat?
Stefan Etzelstorfer: Dass sich die Gesamtzahl der Anliegen und Beschwerden seit Implementierung von „Schau auf Linz“ verdoppelt hat. Das liegt sicher auch daran, dass „Schau auf Linz“ von den Bürgerinnen und Bürgern als zusätzlicher, ergänzender Kommunikationskanal wahrgenommen wird. Auch die hohe Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit den Antworten bzw. Rückmeldungen der Stadtverwaltung hat mich positiv überrascht.
Dein Fazit die Sinnhaftigkeit von Instrumenten wie „Schau auf Linz“ betreffend fällt positiv aus. Wie groß sind die Hürden für andere Stadtverwaltungen, ein ähnliches Service anzubieten? Ist „Schau auf Linz“ Open Source?
Stefan Etzelstorfer: Grundsätzlich kann eine Plattform wie „Schau auf Linz“ in ähnlicher Form in jeder Gemeinde implementiert werden. Tatsächlich macht das Ganze aber nur in größeren Einheiten wirklich Sinn. Seit Inbetriebnahme von „Schau auf Linz“ haben sich auch bereits einige andere Kommunen bei der Stadtverwaltung gemeldet, die eine ähnliche Plattform auch bei ihnen entwickeln wollen bzw. auch schon eingeführt haben, z.B. in Dornbirn. Die Stadt Linz leistet hier bei der Umsetzung Unterstützung. „Schau auf Linz“ wurde aber von einem externen IT-Unternehmen programmiert und entwickelt – Open Source ist es daher nicht.
Zum Abschluss: hast Du eigentlich selbst die Plattform „Schau auf Linz“ schon einmal genutzt und falls ja, zu welchem Zweck?
Stefan Etzelstorfer: Ja, ich habe die Plattform auch schon privat ein paar Mal genutzt. Ich habe dabei neben Verschmutzungen bzw. defekter Infrastruktur im öffentlichen Raum auch bereits den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag – zum Beispiel bei der Verkehrsplanung – eingebracht.
